Didaktisierungsvorschlag zum Thema Literatur

JUDITH HERMANN: DIE DEUTSCHE VIRGINIA WULF VS. „EIN LITERARISCHES FRÄULEINWUNDER“

„Wir hjh13aben eine neue Autorin bekommen, eine hervorragende Autorin. Ihr Erfolg wird groß sein.“

Marcel Reich-Ranicki

Judith Hermann, Schriftstellerin

Kurzbiographie:

1970 – geboren in Berlin

1998 – Erzählband „Sommerhaus, später“

2003 – Erzählband „Nichts als Gespenster“

Mehr über Biographie unter http://de.wikipedia.org/wiki/Judith_Hermann

1999 – Bremer Literaturförderpreis

1999 – Hugo-Ball-Förderpreis

2001 – Kleist-Preis.

„Sommerhaus, später“ (1998) Frankfurt a/M: Fischer Verlag

sommerhaus_tb3Pressestimmen

„Judith Hermann beschreibt genau den Moment, der das Leben dieser Menschen verändern könnte, die verpaßte Gelegenheit ebenso wie die wahrgenommene, die dann aber doch nichts bewirkt. Und selbst wenn sich jemand zu einer Entscheidung durchgerungen hat, macht das nicht glücklich, sondern wütend. Das Leben ist »gut und beschissen« zugleich. Nichts ändert sich. Alles bleibt gleich.

Mit dieser Zustandsbeschreibung der ausgehenden Neunziger liegt Judith Hermann genau richtig. Langeweile als Programm in der Wiederholung des immer Gleichen, langsam und manchmal ermüdend: Prosa in Zimmerlautstärke.“

(Jan Brandt in der Jungle World vom 24.02.1999)

Rezeption von „Sommerhaus, später“

Sommerhaus, später wurde von der Kritik enthusiastisch aufgenommen. Vor allem zeigten die Feuilletons sich davon begeistert, dass es Hermann gelang, in ihren Erzählungen das Lebensgefühl ihrer Generation, der Ende der Neunziger in Berlin lebenden Künstler-Studenten-Arbeitslosen-Boheme, darzustellen. Am prägnantesten schrieb der Kritiker Hellmuth Karasek zu Hermanns Erzählungen, sie verkörperten „den Sound einer Generation“.

Neben diesem Generationen-Effekt wurde ebenfalls konstatiert und an Hermann festgemacht, dass erstmals in der deutschsprachigen Literatur Frauen mit ganz eigenen Texten selbstbewusst aus ihrer Welt heraus erzählen würden, ohne dies als emanzipatorische oder gender-kämpferische Literatur verstanden wissen zu wollen. Hermann wurde zur Galionsfigur einer vom Feuilleton ausgerufenen „Fräuleinwunder“-Literatur gemacht, zu der auch Erzählerinnen wie Jenny Erpenbeck, Felicitas Hoppe, Zoe Jenny, Juli Zeh oder Julia Franck gezählt wurden. Gemeint war damit das als bestaunenswert angesehene „Phänomen“, das auch das „schöne Geschlecht“ souverän mit Marketingstrategien und Trends umgehen konnte.

Mit über 250.000 verkauften Exemplaren und Übersetzungen in 17 Sprachen ist Sommerhaus, später einer der größten deutschen Bucherfolge der letzten Jahre.

Nichts als Gespenster“ (2003) Frankfurt a/M: Fischer Verlag

gespenster2Pressestimmen

„Lange vor Judith Hermann waren es die Präraffaeliten, die das Bild der melancholischen Schönheit gemalt haben, der Jugendstil hat diese Trauer bis in den letzten Türknauf vervielfältigt. Die großen dunklen Augen blicken auf den Gemälden des Jugendstils erwartungsvoll aus der Welt der Realitäten, die keine Sehnsucht befriedigt, hinaus in ein Nichts. Die Stimmung einer alternden Zeit, einer zu Ende gehenden Epoche war in diesen Augen. Und es ist verblüffend, wie das Dekadenzbewusstsein der Jahrhundertwende an der Schwelle zum neuen Jahrtausend bei dieser jungen Autorin wieder aufscheint – und mit ihr die alten Topoi einer krisengeschüttelten Zeitenwende: Gefühle der Kraftlosigkeit der eigenen Existenz, Somnambulismus, Erstarrung. Judith Hermann ist die Malerin des Berliner Jugendstils, dieser unwirklichen Übergangszeit. Das alles macht noch kein gutes Buch. Aber es ist schön.“ (Iris Radisch in der ZEIT vom 30.01.2003)

Judith Hermann zum Buch

„Die neuen Figuren sind resignativer und trotzdem glücksfähiger. Vielleicht ist das auch eine bestimmte Form des Älterwerdens. Es gibt eine Verantwortung zwischen den Figuren, das gab es im ersten Buch nicht. Das war auch die einzige Veränderung, zu der ich fähig war“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 19.01.2003)

Übersetzungen

Judith Hermanns Werke wurden in das Dänische, Englische, Französische, Griechische, Isländische, Italienische, Japanische, Lettische, Niederländische, Norwegische, Polnische, Russische, Schwedische, Serbokroatische, Slowenische, Spanische, Tschechische, Türkische und Ukrainische übersetzt.

Interview mit Judith Hermann: http://www.hainholz.de/wortlaut/jhinterv.htm

Links zu den Rezensionen und Pressestimmen:

–     Radisch Iris „Berliner Jugendstil“ In: Die Zeit. Nr. 06/2003 (Portrait von Judith Hermann)  http://www.zeit.de/2003/06/tristesse

–         Lutz Hagestedt „Bekanntes Gesicht, gemischte Gefühle“.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=5723&ausgabe=200302

–     Förster Jochen „Wovon erzählt dieses Buch…“ http://www.welt.de/kultur/article363551/Wovon_erzaehlt_dieses_Buch.html

–         Alexandra Pontzen „Spät erst erfahren Sie sich

Judith Hermann findet „Nichts als Gespenster““

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=5716&ausgabe=200302

–         Mohr Peter „Liebe lässt sich nicht erzwingen“.

Judith Hermanns Erzählungen „Nichts als Gespenster“ http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=5721&ausgabe=200302

–         Scholtze Laslo „Ruhiger, weiter, traumtief“.

Der zweite Erzählband von Judith Hermann, in: Literaturkritik.de, Februar v. 06.02. http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=5718&ausgabe=200302

–     Günter Kaindlstorfer: Tom Waits am Prenzlauer Berg. In: Format. 21. Dezember 1998 (Portrait von Judith Hermann). http://www.kaindlstorfer.at/portraets/hermann.html

–         Anz Thomas „Judith Hermann photographiert Geister.

Anmerkungen zur immanenten Ästhetik in „Nichts als Gespenster““, in: Literaturkritik.de, Februar v. 06.02. http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=5720&ausgabe=200302

–         Prangel, Matthias „Eine andere Art von Rückblick“.

Gespräch mit Judith Hermann über „Sommerhaus, später“, in: Literaturkritik.de, Februar v. 06.02. http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=5689&ausgabe=200302

Verfilmungen

–  Eisblumenfarm (nach der Erzählung Sommerhaus, später)

Kurzfilm von Dominik Betz (2004); mit Philip Hellmann, Sara Hilliger, Gunnar Solka

Freundinnen;

–     Nichts als Gespenster: Drama von Martin Gypkens (2007); mit August Diehl, Chiara Schoras, Fritzi Haberlandt, Janek Rieke, Stipe Erceg, Maria Simon, Christine Schorn, Walter Kreye, Ina Weisse, Wotan Wilke Möhring, Jessica Schwarz u. v. a.

Videos/Verfilmungen unter:

www.kino.de/kinofilm/nichts-als-gespenster/86832.html

www.nichtsalsgespenster.senator.de

AUFGABEN

  1. Lesen Sie zwei Bände (bzw. ausgewählte Erzählungen) und studieren Sie die angegebenen Rezensionen im Internet. Äußern Sie sich zu den folgenden Punkten (bzw. halten Sie zu diesen Themen Referate mit Hand-outs oder mit einer PP-Präsentation). Untermauern Sie Ihre Meinung mit Zitaten der Kritiker:

–           Merkmale des Berliner Jugendstils in J. Hermanns Prosa;

–           semantisch-stilistische Besonderheiten der Erzählungen;

  1. Lesen Sie folgende Erzählungen aus dem Band „Nichts als Gespenster“: „Kaltblau“, „Nichts als Gespenster“, „Liebe zu Ari Oskarson“ und bereiten Sie sich zur Diskussion vor „Warum scheitert die Liebe in diesen Erzählungen?“ (dabei ist die Analyse unter dem Blickwinkel der interkulturellen Kommunikation notwendig).
  2. Lesen Sie die Erzählung „Rote Korallen“ („Sommerhaus, später“). Welche Gruppen der „unübersetzbaren“ Lexik gibt es im Text (Lakunen usw.)? Wie würden Sie diese Wörter in ihre Muttersprache übersetzen?
  3. Lesen Sie die Erzählung „Ruth (Freundinnen)“ („Nichts als Gespenster“) und machen Sie eine narratologische Analyse zu folgenden Aspekten:

–         Wer erzählt die Geschichte: Autor – Erzähler – eine der handelnden Protagonistinnen?

–         Ordnen Sie den Erzähler in eine der folgenden Kathegorien zu und begründen Sie Ihre Meinung:

×           unbeteiligter Erzähler

×           unbeteiligter Beobachter

×           beteiligter Beobachter

×           Nebenfigur

×           eine der Hauptfiguren

×           die Hauptfigur (=autodiegetisch)

–           Fertigen Sie eine Inhaltsangabe der Erzählung an.

  1. Welche Arten der Kommunikation der ProtagonistInnen sind in dieser Erzählung dargestellt? Führen Sie Beispiele an: 1) direkte Rede; 2) indirekte Rede; 3) erlebte Rede;  4) zitierte Rede: Gedankenzutat oder autonomer innerer Monolog.
  2. Welche Symbole und Methafer gibt es im Text?
  3. Sehen Sie eine der Verfilmungen an und vergleichen Sie die Rolle der paralinguistischen Elemente im Film und in den Erzählungen. Welche sprachlichen Mittel benutzt der Erzähler zu diesem Zweck im Text?
  4. Übersetzen Sie eine Passage (DIN-A4) aus der Erzählung in Ihre Muttersprache. Welche Schwierigkeiten hatten Sie während der Übersetzung? (Diskussion)

GLOSSAR

Diegesis – eine dichterische darstellende Rede.

erlebte Rede – Darstellung einer (ausgesprochenen oder nur gedachten) Figurenrede in der 3. Person. Präteritum Indikativ ohne einleitendes verbum decendi (Verben des Sagens).

Narrarologie – Theorie der Erzählens, Erzähltheorie.

paralinguistische Elemente – Mimik und Gestik.

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Published in: on Dezember 15, 2008 at 6:07 pm  Schreibe einen Kommentar